Streitend in die Neujahrsnacht

Der DebatingClub St. Gallen bei der Debattier-Weltmeisterschaft in Antalya.

Das Debattieren ist ein internationaler Wortsport, der seinen Höhepunkt in der alljährlich über Silvester ausgetragenen Debattier-Weltmeisterschaft findet. Dieses Jahr haben sich rund 800 Redner und 400 Juroren aus allen Kontinenten vom 27. Dezember bis 4. Januar an der türkischen Mittelmeerküste in Antalya zur Debattier-Weltmeisterschaft getroffen. Die Schweiz wurde durch Viola Lutz vom Debating Club St. Gallen vertreten. In der ersten Vorrunde traf ihr Team auf Debattierer aus Neuseeland, Barbados und Indonesien zur Frage eines Verbots von Gewerkschaften. Die Sprache ist Englisch, wobei eine Unterteilung der Teilnehmer in Englisch Proficient Language und Englisch as a Second Language vorgenommen wurde. Von den Britischen Inseln kommt auch der Wortsport. Der erste Klub formte sich 1815 an der Universität Cambridge, acht Jahre später folgte Oxford. Die akademische und britische Herkunft prägt den Wortsport bis heute. Zwei Seiten stellen einander konkurrenzierende Grundprinzipien gegenüber. So könnte man gegen Gewerkschaften etwa das Prinzip des freien Marktes anführen, dafür spricht etwa das Prinzip der Versammlungsfreiheit und der kollektiven Interessenvertretung. Am Ende der Debatte kürt im Gegensatz zu politischen Reden nicht eine anonyme Masse den Gewinner nach Sympathie, sondern ausgebildete Juroren sitzen am Tischende, notieren den Debattenverlauf und wägen am Ende die Argumentationen gegeneinander ab. Die Themen sind so vielfältig wie die Heimatländer der Teilnehmer, bewegen sich aber im groben Rahmen gesellschaftlicher, sozialer oder ökonomischer Fragestellungen. So stand etwa in der nächsten Vorrunde zur Diskussion, ob Entwicklungsländer das Studium weiblicher Studenten komplett bezahlen sollten, gefolgt von einer Debatte über eine mögliche staatliche Subvention von Ehen, die über ethnische oder religiöse Grenzen hinaus geschlossen werden. Das Team aus St. Gallen traf hier auf eine Legende, den Juror Alfred Snider. Der rundliche Mann mit grauem, gelocktem Rauschebart lehrt an der Universität Vermont als Professor die Kunst des Debattierens. Er reist um die Welt, um den Streitsport zu verbreiten. Sein Aufenthalt im Irak war so erfolgreich, dass auch von dort zwei Teams am Turnier teilnahmen. So konnte man in Debatten irakische, chinesische und amerikanische Studenten in friedlichem Streit beobachten. In den USA und in Grossbritannien ist Debattieren ein grosser Sport, viele Schulen, fast alle Hochschulen haben Debattiergesellschaften. Auch Präsidenten wie Bill Clinton oder Richard Nixon waren in ihrer Studienzeit Debattierer. Zudem bezahlen viele Universitäten Coachs und den Studenten die Teilnahme- und Reisekosten für Turniere. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass St. Gallen in den Vorrunden ausgeschieden ist. Im Finale der English Proficient Speakers standen sich die University of Sydney, Oxford, Harvard und die LSE gegenüber. Neuer Weltmeister ist das australische Team geworden.


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