Welchen Lohn erwartest du?

Die Hälfte der HSGler erwartet gemäss der grossen prisma-Umfrage einen Einstiegslohn von über 80 000 Franken. Dabei haben Studentinnen deutlich tiefere Erwartungen als Studenten. Doch wie sieht die Realität aus?

Anfangs Jahr fragte das prisma die HSG-Studierenden in einer gross angelegten Umfrage, welchen Einstiegslohn sie erwarten. Das Ergebnis: Rund die Hälfte der knapp 700 Umfrageteilnehmer schätzen ihn auf über 80 000 Franken. Dabei sind die Erwartungen der Studentinnen deutlich tiefer: Während 62 Prozent der Männer von einem Einstiegslohn von über 80 000 Franken ausgehen, tun dies gerade mal 35 Prozent der Frauen. Weshalb ist dieser Unterschied so gross? Und wie hoch sind die Einstiegslöhne von HSGlern tatsächlich? Um diese Frage zu beantworten, nehmen wir die Daten aus der Umfrage genauer unter die Lupe und suchen nach Erklärungen in aktuellen Forschungsergebnissen. Mit diesem Beitrag möchten wir unter den Studierenden eine wichtige Diskussion über Lohnerwartungen und Lohnverhandlungen anstossen. Dabei ein Hinweis vorweg: Eigentlich müsste jeder Aussage dieses Textes ein «tendenziell» oder ein «in der Regel» vorangehen, da diese natürlich nicht auf jede einzelne Frau beziehungsweise jeden einzelnen Mann zutreffen.

Einstiegslohn für HSG-Absolventen im Realitätscheck

Die Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen, dass die Erwartungen der Studierenden nicht überzogen sind, denn HSG-Absolventen vom Abschlussjahr 2016 verdienen ein Jahr nach Abschluss im Median 84 000 Franken (Bachelor), 89 000 Franken (Master) und 105 000 Franken (PhD). Wenn man davon ausgeht, dass sich der Bruttolohn innerhalb des ersten Jahres nach Studienabschluss nur geringfügig verändert, ist ein Einstiegslohn von mehr als 80 000 Franken somit relativ verbreitet. Auch über alle Schweizer Universitäten hinweg gesehen, liegt der Lohn von Masterabsolventen in Wirtschaftswissenschaften mit 84 000 Franken über dieser Schwelle. Dabei verdienen Wirtschaftswissenschaftlerinnen schweizweit ein Jahr nach Masterabschluss 2 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen – was aber noch immer deutlich über den Erwartungen* der HSGlerinnen liegt. Woher kommt diese Negativ-Verzerrung der weiblichen Studierenden?

Die Auswertung der prisma-Umfrage ergibt, dass die HSGler einen signifikant höheren Einstiegslohn als die
HSGlerinnen erwarten – selbst dann, wenn man die Verteilung der Umfrageteilnehmer auf Alter, Herkunft, Studienstufe, Studienrichtung oder angestrebte Branche berücksichtigt. Da die Lohnerwartung in Abstufungen von 20 000 Franken angegeben wurde (beispielsweise «60 000 bis 80 000 Franken») lässt sich der exakte Unterschied der Lohnerwartung zwischen Männern und Frauen nicht feststellen, dennoch bildet sich eine klare Tendenz ab. 

Laut der prisma-Umfrage beeinflussen neben dem Geschlecht drei weitere Faktoren die Lohnerwartung von HSG-Studierenden erheblich: Die Lohnerwartung steigt einerseits mit zunehmendem Alter und andererseits mit der Wichtigkeit, die die Umfrageteilnehmer der Höhe ihres Einkommens zuschreiben. Zudem hängt ihre Lohnerwartung von der Branche ab, in die sie nach dem Abschluss einsteigen wollen. So erwarten Studierende mit den Berufszielen Consulting, Technologie, Banken und Versicherungen tendenziell mehr Lohn, als solche mit dem Berufsziel NGO. Das Geschlecht beeinflusst die Lohnerwartung jedoch durchgehend: Ist der Umfrage-Teilnehmer männlichen Geschlechtes, so sind seine Erwartungen deutlich höher als jene des weiblichen Geschlechtes. Es folgen einige sich teilweise ergänzende Erklärungsversuche dafür.

Frauen haben andere Karriereziele – oder?

Eine mögliche Erklärung für den Unterschied in Lohnerwartungen ist, dass Frauen in ihrem Berufsleben andere Prioritäten setzen als Männer. So geben in der prisma-Umfrage 46 Prozent der Männer an, dass es ihnen sehr wichtig sei, viel zu verdienen, während dies nur 28 Prozent der Frauen tun. Diese Angabe korreliert auch stark mit der Lohnerwartung der Umfrageteilnehmer. Wem Geld wichtig(er) ist, erwartet einen höheren Lohn. Man könnte vermuten, dass HSGlerinnen sich daher für Branchen interessieren, in denen der Einstiegslohn bekanntlich tiefer liegt und sie daher grundsätzlich mit einem tieferen Lohnniveau rechnen. Dies bestätigt sich jedoch nicht in den Daten: Auch in den Branchen mit vergleichsweise hohem Lohnniveau haben die HSGlerinnen tiefere Lohnerwartungen. So erwarten Frauen, die ins Consulting möchten, durchschnittlich weniger Lohn als Männer mit demselben Berufsziel. Es ist jedoch anzunehmen, dass Frauen wie Männer im Consulting dieselben Arbeitsbedingungen haben – weshalb erwarten also nicht beide gleich viel Lohn dafür?

Den HSGlerinnen könnte das Einkommen zudem weniger wichtig sein, weil sie eine tiefere Flughöhe in ihrem Job anstreben, um andere Ziele zu priorisieren und dafür Einbussen beim Lohn akzeptieren würden. Ähnliche Befunde machte eine Harvard-Studie: Frauen berichteten von einer grösseren Anzahl Lebenszielen und schätzten eine «Machtposition» im Beruf als weniger erstrebenswert ein als Männer – was auch auf die Absolventen desselben MBA-Programms zutraf. Offen bleibt bei dieser Feststellung, woher die unterschiedliche Anzahl an Lebenszielen sowie deren Gewichtung herrührt.

Ein weiterer Grund für die tiefere Lohnerwartung der HSGlerinnen könnte sein, dass sie vergleichsweise weniger Informationen über die Höhe von Einstiegslöhnen eingeholt haben. So stellt auch Ines Danuser, Leiterin Student Career Services beim CSC der HSG fest, dass sich Studentinnen im Karrierecoaching «eher schwerer tun mit der Klarheit zur Lohnhöhe und zu Lohnverhandlungen». Das CSC empfiehlt, vor dem Lohngespräch gründlich zu recherchieren. Das zahlt sich aus, denn der Einstiegslohn ist oft wegweisend für die zukünftigen Gehälter. Über die Jahre kann ein Lohnunterschied von wenigen Tausend Franken mit dem Zinseszinseffekt zu einer Differenz im sechsstelligen Bereich anwachsen. Wer bessere Informationen hat, kann eine klarere Position in der Lohnverhandlung einnehmen.

Frauen und der Mut, zu fordern

Dass Frauen tiefere Löhne erwarten, könnte zudem daran liegen, dass sie sich tendenziell unterschätzen und sich weniger zutrauen. Wies Bratby, Verhandlungscoach und Gründerin von «Women In Negotiation», ist nicht überrascht von dem Ergebnis der prisma-Umfrage: «Frauen haben viel öfter als Männer mit mentalen Barrieren zu kämpfen, wenn sie sich für ihre eigenen Interessen einsetzen müssen.» Dass Frauen weniger häufig verhandeln als Männer, zeigen auch die Ergebnisse einer Glassdoor-Studie: Während 48 Prozent der Männer angaben, ihren Lohn zu verhandeln, taten dies nur 32 Prozent der Frauen. Noch deutlicher war das Ergebnis bei MBA-Abgängern der Carnegie Mellon University: Neben 57 Prozent der männlichen Abgänger verhandelten gerade mal 7 Prozent der weiblichen ihren Einstiegslohn. Harvard Business Review wie auch Bratby begründen dieses Verhalten damit, dass von Männern schon früh erwartet wird, zu verhandeln, Frauen jedoch nahegelegt wird, sich um die Interessen anderer zu kümmern, weshalb sie seltener üben, mehr zu fordern. 

Zudem erzählt Bratby, dass sich Frauen öfters Sorgen machen, dass eine Verhandlung die Harmonie beeinträchtigt. «Die gute Nachricht», ist jedoch laut Bratby, «dass sich Lohnverhandlungen durchaus positiv auf das Verhältnis zwischen Mitarbeiterin und Vorgesetzten auswirken. Denn die Angestellten verschaffen sich mehr Respekt, indem sie für sich einstehen.»

Die Ergebnisse der prisma-Umfrage zu den Lohnerwartungen stehen im Einklang mit zahlreichen Studien, die die Beobachtung machten, dass Frauen vor Berufseintritt durchschnittlich tiefere Lohnerwartungen haben als Männer – auch unter Berücksichtigung von Studienrichtung, akademischer Leistung und Karriereprioritäten. Nicht selten werden Unterschiede in Lohnerwartungen mit der geschlechtsspezifischen Lohnungleichheit in Verbindung gebracht. Die möglichen Gründe für die tieferen Lohnerwartungen von Frauen sind zahlreich und die in diesem Artikel angesprochenen Erklärungsversuche decken wohl nur einen Teil davon ab. Dennoch hoffen wir, mit diesem Beitrag Studentinnen, aber auch Studenten, motiviert zu haben, ihre Lohnerwartungen kritisch zu hinterfragen und vor dem Unterschreiben des nächsten Arbeitsvertrags nochmals nachzuhaken.

Daten & Methode

Quelle: An alle HSG-Studierenden gerichtete Online-Umfrage im Frühling (Januar-März) 2018

n = 673, davon 395 männlich und 295 weiblich

Methode: Lineare Regression, T-Test & Rank Sum Test, Spermans Rho 

Sowohl ein T-Test als auch ein Rank Sum Test wurde angewendet um zu testen, ob der Unterschied in der Lohnerwartung zwischen Männern und Frauen signifikant ist, was auf dem 1 Prozent Signifikanzniveau bestätigt werden konnte. Mit der linearen Regression konnte gezeigt werden, dass die Unterschiede zwischen Männern und Frauen nicht auf die Population zurückzuführen ist (das heisst. der Unterschied in der Lohnerwartung liegt nicht an den Eigenschaften der befragten Person, sondern ist tatsächlich auf deren Geschlecht zurückzuführen). Ebenfalls konnte mit einem Rank-Sum Test gezeigt werden, dass es den Männern an der HSG signifikant wichtiger ist, viel zu verdienen als den Frauen der HSG. Da die Umfrageteilnehmer nicht eine absolute Zahl, sondern eine erwartete Lohnrange angaben, wurden die Ergebnisse der linearen Regression mit einem Spermans Rho Test überprüft. 


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