Zu tief ins Butterbierglas geschaut

Ein Tag wie jeder andere bricht auf dem Rosenberg an. Doch unter die Studierenden der Universität St. Gallen hat sich eine ganz aussergewöhnliche Person gemischt.

Die Studierenden der HSG erhielten für einmal magischen Besuch. (zvg)

Morgendämmerung. Ein leichter Nieselregen weckt mich aus meinem unruhigen Schlaf. Ich öffne meine Augen. Wie bin ich nur im verbotenen Wald gelandet? Langsam richte ich mich auf, reibe mir den Schlaf aus den Augen und mein Blick fällt auf die Umrisse einer besonderen, mir bisher unbekannten Unterkunft. Bin ich gestern so lange im «Drei Besen» herumgelungert, dass ich mich in jene Tiefen des Waldes verirrt habe, die von keiner Hexe und keinem Zauberer je zuvor erforscht wurden? Ich nähere mich dem glänzenden, grauen Stein am Gipfel des Berges, in der Hoffnung, dass ich dort sowohl einen Krug kaltes Wasser, als auch ein Portal nach Hause finde.

Ich bemerke etwas Beunruhigendes: Jedes Wesen, das ich treffe, hält seinen Zauberstab sichtbar in der Hand. Dieser ist jedoch viereckig, bestimmt nicht aus Phönixfeder und macht seltsame Geräusche. Auf solche Hexerei bin ich nicht einmal bei der Lektüre von «Geschichte der Zauberei» gestossen. Noch nie hätte ich Prof. Binns so gerne in der Nähe gehabt, wie in diesem Moment. Ich komme an meinem Ziel an, doch der Eingang bleibt mir verborgen. Bin ich in Azkaban gelandet? Auf einmal kommt mir ein freundlicher Mann entgegen, der behauptet, er sei vom «Buddy System» und würde mich nun einen Tag lang an seiner «Universität» rumführen. Bei Merlins Bart! Ich habe noch nie eine solche Sprache gehört, die zwar wie Deutsch klingt, aber etwas komplett anderes ist. Die meisten Wörter sind mir gänzlich unbekannt. Eine einzelne Frage schwirrt mir im Kopf herum: Wo bin ich hier gelandet?

Eine Schule der anderen Art

«Willkommen in St.Gallen!», klärt mich mein Buddy auf. Es scheint, als nehme dieser Muggel an, dass ich an dieser Institution zur Schule gehen würde. Habe ich mich in einer Illusion wiedergefunden? «Finite Incantatem» flüstere ich, als sich der junge Mann umdreht und schwenke meinen Zauberstab. Es passiert nichts. Ich befinde mich immer noch in dieser Muggelstadt. Die Ausführungen meines Begleiters, dies sei eine Eliteuni, bringen mich zum Schmunzeln. Ich hatte mich noch nie mit dem normalen Volk abgegeben. Dies dürfte amüsant werden. Langsam folge ich ihm ins Innere des grauen, blockartigen Gebäudes. Drinnen wuseln zahlreiche Schüler umher. Mein Begleiter erklärt mir, dass die neuen «Assessment» – mir ist schleierhaft, was das bedeuten soll – Studenten gerade erst das Studium angefangen hätten, weshalb es noch etwas voll sei. Er hoffe, dass sich dies nach dem ersten Semester ändern würde. Seine kurze Erklärung zum Assessment erinnert mich stark an das trimagische Turnier, wobei hier wohl weniger mit Toten zu rechnen sein dürfte.

Mein Begleiter führt mich durch Gänge, wir biegen rechts und links ab, doch all diese Korridore sind beleuchtet – warum gibt es das bei uns noch nicht? Vorbei an den ganzen Studenten. Manch einer kommt sich hier vor, als wäre er von Malfoys umgeben. Auf dem Weg entdecke ich auf dem, nun, es muss sich fast um den Tagespropheten handeln, ein Bild des Auserwählten. Wir kommen schlussendlich in einem Schulraum an. Ich dachte schon, ich hätte meinen Verstand verloren, doch die Lernunterlagen werden auf die Wand projiziert, ganz genau so wie bei uns. Ich setze mich hin und versuche zu entziffern, was da vorne steht: «Wirtschaftsrecht». Was soll hier genau gelehrt werden? Wie man das «Zum Tropfenden Kessel» bewirtschaftet? Mein Buddy reicht mir sein Buch. «Art. 20 Abs 1: Unmöglicher Inhalt = Nichtigkeit des Vertrags» lese ich dort. Das ist doch völliger Humbug. In der Magie ist nichts unmöglich. Der Professor tritt in den Raum – bei dessen Anblick ich vor Schreck erstarre: Was ist mit Prof. Snapes Haaren geschehen? Er fängt an Fragen zu stellen und ambitionierte, ehrgeizige, Macht suchende und führungsorientierte Schüler melden sich einer nach dem anderen. Mir ist klar: Ich bin im Hause Slytherin gelandet.

Nach einer langen Diskussion über sogenannte «Konzerne» – was auch immer das sein sollte – beginnt sich plötzlich ein starkes Hungergefühl bemerkbar zu machen. Wir begeben uns also in die Grosse Halle. Kaum angekommen, läuft es mir kalt den Rücken runter: Dumbledore, McGonagall, ja sogar Umbridge lehnen sich an Stehtische und haben ihre Umhänge nicht an. Ich möchte sie freundlich grüssen, doch erkennen sie mich nicht. Ich schaue zu den anderen Tischen und merke: Gryffindors und Ravenclaws teilen sich Sitzplätze, Hufflepuffs und Slytherins lachen miteinander. Sie zeigen sich gegenseitig ihre Zauberstäbe und amüsieren sich an den wechselnden Bildern und Klängen darauf. Keiner trägt seinen jeweiligen Hausmantel. «Wie soll ich hier wissen, wen ich zu hassen habe?», frage ich meinen Begleiter. Als Student der Betriebswirtschaftslehre (mein Blick wird noch verwirrter) scheint ihm die Antwort relativ leicht zu fallen: «Alle anderen.»

Mein Unverständnis nimmt zu. Wo bleiben die Dementoren, die in diesem Irrenhaus Ordnung wiederherstellen würden? Mein Weggefährte für den heutigen Tag sorgt auch hier wieder für eine gewisse Klärung. Er kann natürlich noch nie etwas von den übelsten magischen Wesen gehört haben. Seine Ausführungen machen mir jedoch klar, dass hier anscheinend – vor allem während der sogenannten «Lernphase» – genug seelenlose Gestalten über das Schulgelände wandeln. Nach der versalzenen Mahlzeit in der Grossen Halle ist mir nur noch schlecht. Ich will nach Hause. «Magst du einen Kaffee? Ein Bier vielleicht?» Bier. Butterbier? Das kenne ich! Sofort willige ich ein und wir begeben uns in einen weiteren Raum, das «Adhoc». Nun fange ich an zu glauben, dass ich vielleicht doch träume. Entweder jemand hat dieses Lokal verhext, oder es sieht wirklich aus wie das «Drei Besen». Wir kommen zum Tresen und auf einmal spricht mich die Wirtin mit Vornamen an. Sie fragt mich, ob ich das Übliche möchte. Ich drehe mich um, denn bin ich mir nicht sicher, ob sie wirklich mich meint. Kaum schau ich sie wieder an, halte ich ein Butterbier in der Hand und sie fischt mit dem Finger drei Galleonen aus meiner Jackentasche. Ich verstehe nichts mehr. Mein Begleiter und ich setzen uns hin, stossen an und…

Ende einer durchzechten Nacht

Morgendämmerung. Ein leichter Nieselregen weckt mich und ich springe hektisch auf. Wo ist der graue Block? Ich blicke mich um und sehe in der Ferne ein Schloss, das in den Strahlen der aufgehenden Sonne glitzert. Eine altvertraute Szenerie. Beim Barte Merlins! Wie bin ich nun wieder hier gelandet? Und woher kommt dieses blaue Buch mit dem mir unbekannten Schriftzug «SGMM»? Ich schüttle den Kopf, packe das Buch unwissend ein und marschiere nach Hause. Endlich scheint alles wieder normal zu sein. Auf dem Weg in Richtung des Schlosses schwöre ich mir, nie wieder zu tief ins Butterbierglas zu schauen.


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