Zwei Qualitätsmedien?

Nicht nur das prisma feiert dieses Jahr sein 60-jähriges Bestehen. Auch der Blick wurde unlängst 60 Jahre alt. Ein Blick auf sechs Dekaden Unterschiede und Gemeinsamkeiten.

Zeitungen über Zeitungen. (zvg)

«Wir produzieren jeden Tag eine Qualitätszeitung und ein Qualitätsonlineportal, die umfassend informieren», so die Aussage von Christian Dorer, Chefredaktor der Blick-Gruppe. Lukas Zumbrunn, Chefredaktor des prisma ist auch von der Qualität der eigenen Zeitschrift überzeugt. Ihm zufolge leistet das prisma einen essentiellen Beitrag zur studentischen Kultur an der HSG.

Qualität ist also wichtig. Gleich verstanden wird sie hingegen nicht. Während Christian Dorer von Glaubwürdigkeit, Wahrhaftigkeit und Verlässlichkeit spricht, sieht Lukas Zumbrunn als Zeichen von Qualität die Recherche, die Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln sowie die Analyse mehrerer Disziplinen.

Die Recherche ist gemäss Dorer jedoch auch beim Blick von zentraler Bedeutung. Die Reporter seien vor Ort und gehen raus, meint der Chefredaktor der Blick-Gruppe. Auch betont er während des Interviews, dass der Blick nah bei den Leuten sei und über alles berichte, was die Menschen bewege. Dank dem starken Wachstum des Onlinebereichs erreiche der Blick mehr Leserinnen und Leser denn je. Die Marke Blick erreiche im Print und Online rund 1.2 Millionen Leserinnen und Leser pro Tag und habe somit Online über die Jahre mehr gewonnen, als im Print verloren. Die Zukunft des gedruckten Wortes schreibt Dorer jedoch nicht ab. Print werde es noch sehr lange geben, Wachstum sei aber keines mehr zu erwarten. Auch das prisma hat das gedruckte Magazin noch längst nicht aufgegeben. Zweimal pro Semester erscheint eine Ausgabe. Nicht so oft wie der Blick, dafür umfangreicher und mit starkem Fokus auf das Geschehen in und um die Universität. Während das prisma anfangs nur im Abonnement zugänglich war, steht es heute allen Studierenden kosten- los zur Verfügung. Dies ist Zumbrunn zufolge eine positive Entwicklung. Dennoch findet er, dass für Content wieder mehr bezahlt werden müsse, da der Wert der Qualität neu eingestuft werden sollte.

Glaubwürdig oder persönlichkeitsverletzend?

Als wichtigstes Kapital sieht Dorer die Glaubwürdigkeit, welche ihm zufolge der Blick durchaus verkörpert. Rügen vom Presserat seien zwar unschön, würden die Glaubwürdigkeit aber nicht unterminieren. Er halte nicht jede Rüge für gerechtfertigt, der Blick halte sich beim Schutz der Privatsphäre der Menschen an das geltende Schweizer Recht. Ausländische Medien, besonders jene in Grossbritannien, hält der Chefredaktor für viel aggressiver.

Dies vermag nicht zu überzeugen. Medien sollten möglichst nicht in die Privatsphäre von Privatpersonen intervenieren. Nah am Menschen zu sein hat seine Berechtigung, zu nah verletzt jedoch die Privatsphäre, auch wenn in anderen Ländern andere Standards gelten mögen. Wie es das prisma vormacht, kann man nah an seinem Publikum sein, ohne deren tiefste Geheimnisse zu entlarven und in das Scheinwerferlicht zu stellen. Es wird dabei vergessen, dass nicht jedermann gerne seinen Namen in der Zeitung liest. Durch Skandale ist der Blick gross geworden und scheint nicht auf dieses Kapital verzichten zu wollen.

Gleich und doch anders

Laut Dorer berichten die meisten Medien heutzutage über die gleichen Themen und es gibt kaum mehr Unterscheidungsmerkmale zwischen ihnen. Was den Blick jedoch besonders macht, ist, dass er auf Trends achtet und Sachen ausprobiert, meint Dorer. Ausserdem sei der Blick eine «Revolution» gewesen. Die erste Ausgabe des Blicks erschien am 14. Oktober 1959 mit dem Titel «Der Diener ist nicht der Mörder». Als erste und einzige Boulevardzeitung der Schweiz hätte der Blick in seinen Anfangsjahren über Themen berichtet, an die sich kein anderes Medium getraut hätte. Themen, welche die Leute wirklich interessierten. Auch Online hätte der Blick früh angefangen: Entwicklungen wurden antizipiert und nicht selten wurde auch der Blick ins Ausland gewagt. Der Blick sei ausserdem dort präsent, wo neue Generationen seien. So investiert die Blick-Gruppe in grossem Masse in den digitalen Ausbau und setzt dabei besonders auf das Bewegtbild. Mit Blick TV baut Blick gerade einen eigenen, digitalen Sender auf. Das TV-Studio befindet sich mitten in der Redaktion in Zürich und ist momentan gerade im Aufbau. Im wortwörtlichen Sinne. Neuerung gibt es auch beim prisma. Zwar steigt die Studentenzeitschrift nicht in das TV-Busi- ness ein, dennoch ist ein Ausbau der Onlinekanäle geplant. Neue Formate werden im kommenden Jahr publiziert werden. Trotz des Fokus auf Onlinekanäle haben beide Chefredaktoren kein Patentrezept für die Zukunft.

Laut Zumbrunn gibt es kein solches in einer dynamischen Welt. Dorer spricht davon, dass genaue Prognosen schwierig sind. Es gilt ihm zufolge vor allem agil zu sein und die «neuen Generationen» anzusprechen. So soll man auch dort sein, wo sich diese neuen Generationen tummeln. Es ist deshalb wichtig, auf neue Formate des Storytellings zu setzen und die technologischen In- novationen voranzutreiben. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist die Lancierung von Blick TV. Zumbrunn sieht die Zukunft mehr im studentischen Engagement und darin, dass kritische und kreative Ideen gefunden und in Studierende «gepflanzt» werden.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser oder Trump als Medienförderer

Neben der Onlinepräsenz sind auch Fake-News ein grosses Thema der letzten Jahre geworden. Vorgeworfen wird dies vor allem Donald Trump. Dorer bezeichnet ihn als «grössten Medienförderer». Dies begründet er damit, dass Trump mit seinen Posts die Menschen wieder mehr zu den grossen, etablierten Medienhäusern in den USA treibe, die sein Handeln kritisch hinterfragen. Es bestehe eine Hass-Liebe zwischen Trump und den US-Medien. Da auch Dorer Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit hochhält, findet bei jedem Artikel des Blicks zwingend eine Gegenlese statt. Zudem prüft das Korrektorat die Artikel. Teilweise liest auch der Tageschef oder gar der Chefredaktor die Artikel. Dies vor allem dann, wenn sie politisch oder juristisch heikel sind. Auch beim prisma findet immer zwingend eine Gegenlese statt. Ein Grossteil aller Artikel wird von vier Leuten gelesen. Neben dem Ressortleiter und dem Chefredakteur liest die ganze Redaktion an der sogenannten Schlusskorrektur das Heft durch. So wird ein Artikel dann nochmals bis zu fünfmal gegengelesen.

Nicht immer auf Erfolgskurs

Die Blick-Gruppe war während ihrer 60-jährigen Geschichte nicht immer auf Erfolgskurs. Der Blick am Abend musste wegen den Entwicklungen im Schweizer Werbemarkt eingestellt werden, obwohl er laut Dorer bei den Lesern ein Erfolg gewesen sei. Die fehlenden Anzeigenkäufe haben das Verlagshaus schlussendlich zu stark belastet. Man hätte Geld verloren und keine Entwicklung gesehen, meinte Dorer. Das Budget des Blicks am Abend wird nun in Blick TV investiert, was Dorer als «Zukunftsprojekt» beschreibt. Was Dorer jedoch als Kompliment betrachtet, ist, wenn gesagt wird, der Blick berichte einfach. Denn es sei gerade das Ziel des Mediums, Inhalte so zu kommunizieren, dass sie alle Menschen verstehen.

Der finale Kritiker

Wie Dorer es treffend formuliert verändert sich auch nicht alles: «Gute Geschichten bleiben gute Geschichten. Journalist ist und bleibt ein faszinierender Beruf, der Zukunft hat.» Dies bestätigt Zumbrunn: «Journalismus ist tief an einer kritischen Uni verankert». Auch wenn die Vorstellungen von gutem Journalismus und guten Geschichten nicht immer dieselben sind, produziert doch jedes Medium jene Geschichten, welche das eigene Publikum lesen möchte. Der finale Kritiker ist somit der Leser – und das wird auch immer so bleiben.


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