Author Archives: Riccardo Ramacci

  • Blut, Spucke und Maschinengewehre

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    Vergangenen Montag feierte das Studententheater St. Gallen die Premiere des Stücks Macbeth. Shakespeares Tragödie über Aufstieg und Fall des schottischen Königs wurde dabei mit viel Leidenschaft und Einsatz zum Leben erweckt – der Versuch einer Rezension.

    Mit Amateurtheater ist es manchmal so eine Sache: Dass sie niemals dieselbe Qualität wie das professionelle Pendant erreichen, ist angesichts der vorhandenen Ressourcen eine logische Konsequenz. Auf der anderen Seite werden besonders schwere Stücke durch diese unbedarfte Art der Interpretation erst richtig zugänglich und gewinnen auf diese Weise an Verständlichkeit und Unterhaltungswert. Ob man diese Form des Theaters schätzt oder eher verachtet, ist natürlich Sache des Betrachters.

    William Shakespeares Opus Magnum Macbeth profitierte an diesem Abend im St. Galler Figurentheater jedenfalls zweifellos von diesem Effekt. Mit viel Einsatz, Leidenschaft und durchaus textsicher wurden die Intrigen, Morde und Wirrungen rund um den schottischen Thron illustriert. Wer das Stück Shakespeares gar nicht oder nur noch aus diffusen Erinnerungen des Englischunterrichts kennt, hier die Kurzfassung: Der titelgebende schottische Fürst Macbeth strebt nach einer gewonnenen Schlacht nach dem Königsthron Schottlands. Angetrieben von seiner machthungrigen Gattin Lady Macbeth mordet er sich durch alle potentiellen Widersacher und Konkurrenten, einschliesslich des Königs selbst, um sich den Herrschaftsanspruch schlussendlich zu sichern. Macbeth ist also gewissermassen der Frank Underwood des schottischen Feudalismus. Wie es der Gattung der Tragödie entspricht, endet die Geschichte schliesslich in deren Namen. Von Feinden umringt, fällt der Fürst seinen eigenen Methoden zum Opfer und wird im Zweikampf getötet. Seine Frau dagegen richtet sich, dem Wahnsinn verfallen, gleich selbst.

    Das Studententheater macht dieser mörderischen Geschichte dabei alle Ehre. Neben den roten Flecken am Boden des Eingangs des Theaters, fliegt während der Aufführung selbst allerlei Blut und Spucke durch die Luft. Dank idealer Besetzungen der Hauptrollen, die ihre Soli mit viel schauspielerischem Feingefühl versehen, aber auch einigen starken Nebendarstellern, gelingt es dem Stück aber auch inhaltlich zu überzeugen. Mit etwa eineinhalb Stunden hat die Aufführung, gegenüber der vierstündigen Originalfassung, im etwas stickigen Saal darüber hinaus auch eine sehr angenehme Länge und vermag einen durchgehend zu fesseln. Ihre stärksten Momente hat die Aufführung aber wenn die grosse Tragödie Shakespeares manchmal gewollte, manchmal unfreiwillige, komödiantische Züge annimmt. Als am Montagabend in den unkonventionell interpretierten Traumsequenzen Macbeths die gesamte schottische Lordschaft zu einem Rave zu Baauers Harlem Shake ansetzte, brach dementsprechend spontaner Applaus aus. Auch die Kulisse und die Kostüme unterstützen diese moderne und selbstironische Auffassung des Stoffs. Das Schweizer Militär scheint dabei einer der Hauptlieferanten der Materialien gewesen zu sein: Ob Tarnnetze, Funktionskleidung oder Bajonett, die Kostümierung hat nicht zuletzt auch wegen der vielen Sturmgewehre militaristischen Charakter.

    Wer den Charme eines durchaus qualitativen Amateurtheaters schätzt und sich für Shakespeares blutige Tragödien in modernem Gewand begeistern kann, dem sei diese Aufführung jedenfalls vorbehaltlos empfohlen. Und am Ende lohnt es sich allemal, Macbeth seine berühmtesten und weisesten Worte ins Scheinwerferlicht sprechen zu hören:

    Aus, kleines Licht!

    Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild,

    Ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht

    Sein Stündchen auf der Bühn und dann nicht mehr

    Vernommen wird; Ein Märchen ist’s, erzählt

    Von einem Blödling, voller Klang und Wut

    Das nichts bedeutet.

    Wer sich das Stück zu Gemüte führen will, findet alle Infos zur letzten Aufführung hier.

  • „Ich bin ein Präsident des Friedens“

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    Gestern Abend legte der ukrainische Staatspräsident Petro Poroschenko an der Universität Zürich einen Zwischenstopp auf seinem Weg in Richtung WEF ein. Der Ukrainer folgte dabei der Einladung des Europainstituts im Rahmen einer ‘Special Churchill Lecture’. Der Politiker beschwor in seiner Rede viel Idealismus, sagte wenig Konkretes und wurde dazwischen als Kindermörder bezeichnet.

    Dass es sich hier nicht um ein gewöhnliches Politpodium handelte, war bereits vor dem Auftritt von Poroschenko unschwer an der Szenerie zu erkennen: Vor dem altehrwürdigen Jugendstilgebäude des Zentrums der Universität Zürich fanden sich zahlreiche Hochsicherheitskräfte mit ernsten Gesichtern. Ein kleines Grüppchen von Demonstranten stand den Besuchern im Weg, allesamt hielten sie separatistische Flaggen der osteuropäischen Provinzen Donezk und Luhansk in die Luft. Auf den Transparenten war Freiheit, Demokratie und Unabhängigkeit für Donbass! zu lesen.

    Viele Leute kamen zur Veranstaltung. So viele, dass neben dem eigentlichen Vorlesungssaal noch fünf zusätzliche Übertragungssäle bis zu den Grenzen ihrer Kapazitäten gefüllt wurden. Poroschenko wurde vor dem Hintergrund der erneuten Eskalation des Ukraine-Konflikts rund um den Flughafen von Donezk mit Spannung erwartet. Unter das Publikum mischten sich Stadtzürcher Persönlichkeiten. FDP Nationalrat Felix Gutzwiler blickte in der ersten Reihe gespannt zurück in den Saal, auch die Bildungsdirektorin Regine Aeppli war vor Ort und Bundesrat Didier Burkhalter sollte die Eröffnungsrede halten. Den Grossteil des Publikums schienen jedoch ausgewanderte Osteuropäer auszumachen, einige von ihnen mit ukrainischen Flaggen umhüllt.

    Poroschenko selbst liess indes fast eine Stunde auf sich warten. Als er dann endlich den Saal betrat, brach Jubel und Applaus aus, man wähnte sich beinahe in einem Wahlkampf. Die Eröffnung der Veranstaltung übernahm dann der Leiter des Europainstituts in gebrochenem, aber charmantem Denglisch. Danach übernahm Bundesrat Didier Burkhalter, der unlängst zum Schweizer des Jahres gekürt wurde, das Rednerpult. Der Westschweizer sprach zu Beginn seiner Rede denn auch seinen Dank für diese ehrenvolle Auszeichnung aus. Den ukrainischen Staatspräsidenten begrüsste er mit einem „warm welcome“. Danach resümierte der Chef des EDA über den letztjährigen Vorsitz der Schweiz in der OSZE und den Ukraine-Konflikt allgemein. Die Krise im Osten des Landes sei besonders für die Zivilbevölkerung „eine Tragödie“ so Burkhalter. Er rufe alle Konfliktparteien zu äusserster Zurückhaltung auf, um eine weitere militärische Eskalation zu verhindern und diplomatische Lösungen zu finden. Des Weiteren sicherte der Bundesrat der Ukraine anhaltende Unterstützung in mehreren Bereichen zu. Sowohl finanziell wie auch mit humanitärer Hilfe würden Anstrengungen unternommen, um die Situation des Landes zu verbessern. Mit den Worten „die Schweiz bleibt engagiert“ beendete der ehemalige Präsident der OSZE seinen Auftritt und räumte die rhetorische Bühne für den eigentlichen Stargast des Abends.

    Als Poroschenko vor das Publikum tritt, bricht erneut Jubel aus aber auch vereinzelte Buh-Rufe sind zu hören. Das ukrainische Staatsoberhaupt spricht während mehr als 40 Minuten. Die Rede ist geprägt von viel Pathos und der lauten Stimme des Osteuropäers. Inhaltlich erinnert der Grossteil an etwas, dass man so, oder so ähnlich bereits einmal in den Nachrichten vernommen hat. Poroschenko nimmt Bezug auf den Ort der Rede und dessen Bedeutung. Vor über 70 Jahren hielt in diesem Gebäude nämlich der britische Premierminister Winston Churchill seine berühmte Nachkriegsrede, in der sich der Aristokrat für ein vereintes Europa stark machte – ein Europa frei von Konflikten und Kriegen. Poroschenko münzte dieses Ideal eines vereinten Kontinents auf die heutige Situation um. Er fühle sich geehrt an diesem historischen Ort zu sprechen und wie damals sei auch heute ein vereintes Europa von Nöten, um den globalen Terrorismus zu besiegen. So handle es sich bei den Personen rund um den Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo um dieselbe Art von Terroristen, wie im Osten der Ukraine. Das Land gehöre zu Europa und dessen Werten und werde auch für diese kämpfen. „Together we will win this battle“ so die Kampfparole Poroschenkos. Auf diesen etwas wackeligen Brückenschlag zwischen den ISIS-Terroristen und den Separatisten in der Ostukraine folgten Anschuldigungen gegenüber Russland und den Separatisten im Osten. Die gegnerische Seite habe trotz stetiger Bemühungen Kiews keinen einzigen Schritt hin zu einer friedlichen Beilegung des Konflikts unternommen. So würden die Terroristen mit äusserster Brutalität vorgehen, Morde und der Abschuss des Passagierflugzeugs MH17 seien nur einige Beispiele. Dabei würden die Kämpfer permanent  von Russland und dessen Waffenlieferungen und militärischen Trupps unterstützt. Er hingegen sei ein Präsident des Friedens und nicht ein Präsident des Konflikts. So befürworte er die Einhaltung der Minsker Verträge und eine sofortige Waffenruhe. Allerdings erwarte er auch einen Rückzug der Truppen aus dem Osten des Landes, sowie freie und faire Wahlen. Dann sei er auch bereit politische Verhandlungen zu führen.

    Mitten in der Rede stand eine Frau auf und schrie, dass sie keinem Mann zuhöre, der Kinder ermorde. Augenblicklich buhten andere Zuhörer die Protestierende nieder. Während die Frau mit nachdrücklicher Höflichkeit aus dem Saal geführt wurde, entgegnete der Präsident mit einem Lachen: „In Russland wäre solch eine freie Meinungsäusserung niemals möglich.“ Applaus und Gelächter. Poroschenko fuhr nun mit seinen ehrgeizigen ökonomischen Plänen für die Ukraine fort. Bis 2020 seien die notwendigen Bedingungen für einen EU-Beitritt der Ukraine zu erreichen. Die Energieunabhängigkeit von Russland sei gar innert vier Jahren möglich. Mittels umfassenden wirtschaftlichen Reformen wolle er das Land von Korruption befreien und mit unternehmensfreundlichen Massnahmen fit für den internationalen Wettbewerb machen.

    Zum Schluss kam Poroschenko nochmals auf das Ideal eines vereinten Europas zurück: „Churchills Traum ist nun Wirklichkeit geworden“. Mit siegessicherer Entschlossenheit fügte er hinzu: „Slava Ukraini“-„Heil Ukraine“.

  • Kantianischer Akademiker in Südkalifornien

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    Der Akademiker und Politikwissenschaftler Ronald Bee lehrt seit über 15 Jahren an der San Diego State University in Südkalifornien. prisma traf den Professor und sprach mit ihm über die europäische Identität, die politische Wirkung von Mehrsprachigkeit und warum Amerikaner nicht wählen gehen.

    Ich treffe Ronald Bee in seinem Büro auf dem Campus der SDSU. Der nüchtern eingerichtete Raum bietet kaum mehr als zwei Personen Platz und scheint ein begehrter Ort auf dem Campus zu sein. Nach dem Interview steht knapp ein Dutzend weiterer Studenten Schlange, um eine Audienz beim gebürtigen Kalifornier zu erhalten.

    Bee selbst spricht in angenehm ausformulierten Sätzen, wie man sie sonst nur in den Nachrichten, oder eben von einem erfahrenen Pädagogen vernimmt und besitzt das sympathische Lächeln eines amerikanischen Politikers. Der grosse, gepolsterte Ledersessel, in den er sich entspannt zurücklehnt, komplettiert diesen Eindruck. Nach einer entsprechenden Geste setze ich mich ebenfalls und wir beginnen unser Gespräch.

    Gebürtiges zoon politikon

    Dass Ronald Bee gerade in der Politikwissenschaft gelandet ist, war bereits früh in seinem Leben absehbar. Seit jeher habe er sich im akademischen Bereich für Politik interessiert. «Ich kandierte bereits in der Grundschule für das Amt des Schülersprechers. Dasselbe tat ich dann auf der Highschool und im College» erzählt Bee und fügt mit einem gewissen Stolz an «und habe auch jedes Mal gewonnen.» So erschien es schlicht als logische Konsequenz, nach dem College gen Washington D.C. aufzubrechen, um für jene Männer zu arbeiten, welche die Geschicke des ganzen Landes lenken. Von Anfang an habe ihn die Aussenpolitik jedoch mehr gereizt als die inneren Angelegenheiten. Diese Neigung erklärt sich Bee vor allem durch seine Faszination für fremde Sprachen: «Ich war seltsam als Jugendlicher. Statt wie alle anderen Spanisch, wollte ich Französisch und Deutsch lernen, wie mein englischer Grossvater.»

    Sehnsuchtsziel Europa

    Die Ambition, diese beiden Sprachen auch wirklich zu beherrschen, trieb den Amerikaner dann auch früh auf den europäischen Kontinent. «Für mich war es stets ein Imperativ, an einem Ort zu leben, wo die zu erlernende Sprache auch wirklich gesprochen wird. Nur so versteht und lernt man diese auch richtig», stellt der Professor bestimmt fest. Bereits während seiner Studienzeit an der University of California nutzte er die Gelegenheit, um ein Austauschsemester im französischen Grenoble zu absolvieren. Dies sei eine immens wichtige Erfahrung für seine Sprachkenntnisse gewesen und habe zusätzlich seine Wanderlust geweckt. Zu diesem ersten Aufenthalt kamen deshalb ein Jahr Arbeitserfahrung im Büro des Berliner Bürgermeisters in Deutschland sowie zahlreiche weitere Reisen hinzu, sodass Bee insgesamt sechs Jahre auf dem alten Kontinent verbrachte.

    Europäische Kultur ?

    Auf die Frage, was er denn von der europäischen Kultur halte, gibt Bee eine Antwort, zu der nur ein Amerikaner fähig ist, der die Europäer wirklich verstanden hat: «Gibt es denn überhaupt eine europäische Kultur?» Gemäss seiner Erfahrung, sollte man vielmehr von einer britischen, belgischen oder französischen Kultur sprechen, da sich die Länder in so vielen Hinsichten unterscheiden. Eine derart differenzierte Antwort hört man hier in Kalifornien eher selten, wo Europa gemeinhin als föderalistisches Pendant zu den USA wahrgenommen wird.

    Einige Gemeinsamkeiten findet Bee dann aber doch noch: «Europäer witzeln ständig über ihre Nachbarn. Die Franzosen über die Briten, die Westschweizer über die Deutschschweizer oder die Deutschen über die Italiener.» Das Verständnis für diesen Humor habe ihm den Zugang zu den unterschiedlichen Kulturen wesentlich erleichtert. Auch die Mehrsprachigkeit, die viele Europäer eigen ist, sieht er als verbindendes Element.

    Sprache als politisches Hindernis

    Den amerikanischen Spitzendiplomaten in Europa attestiert Bee indes ein schlechtes Zeugnis. «Ich sehe es als politisches Problem wenn der russische Botschafter an einer Sicherheitskonferenz in Berlin fliessend Deutsch spricht und unser amerikanischer Vertreter nicht über ein Guten Tag hinauskommt» kritisiert Bee. Ähnliches habe er auch bei einem Interview in Frankreich erlebt. Aufgrund seines einwandfreien Französischs, fragten ihn die Franzosen kurzerhand, weshalb nicht er den Posten des amerikanischen Botschafters innehätte. Den Amerikanern fehle sowohl das Interesse als auch die Notwendigkeit mehr als eine Sprache zu lernen. «Langfristig muss sich das ändern», postuliert der Kalifornier.

    Aversion zur Regierung

    Neben dem Monopol der englischen Sprache analysiert der Politikwissenschaftler auch das Phänomen der stets niedrigen Wahlbeteiligung der Amerikaner in den Midterms, den alle vier Jahre stattfindenden Kongresswahlen.

    Bee nennt drei Hauptursachen: Erstens sei die amerikanische Mentalität seit jeher von einer Aversion für die Zentralregierung geprägt. «Wir sind selbständig und brauchen keine fremde Hilfe», so das Credo der meisten Amerikaner. «Des Weiteren grassiert in den USA eine starke Form der Betroffenheitsdemokratie» führt er weiter aus. Solange es den amerikanischen Bürger nicht betrifft geht er auch nicht wählen. Den dritten Grund sieht der Akademiker in der Polarisierung des politischen Prozesses. Der Graben zwischen den beiden Parteien sei mittlerweile derart gross geworden, dass objektive Politik kaum noch möglich sei. «Nicht einmal das Staatsbudget wurde in der gegebenen Zeit ratifiziert», ärgert sich Bee. Dies führe zu einem beinahe kafkaesken Misstrauen in die Funktionalität der Regierung. Doch er sieht auch produktive Reaktionen auf diese Entwicklung: «In Zukunft werden die Wähler unabhängiger Kandidaten zunehmen.»

    Mit Blick auf die Uhr und einem freundlichen Händedruck beenden wir das Gespräch und ich zwänge mich an den draussen wartenden Studenten vorbei. Als ich in die strahlende südkalifornische Sonne trete, bleibt mir neben meinem bescheidenen Englisch eine Erkenntnis: Auch hier an der weltfernen, pazifischen Küste finden sich kritische und aufgeklärte Geister, die sich Gedanken über das politische Geschehen machen und den Unterschied zwischen Westschweizern und Deutschschweizern kennen. Kant wäre beeindruckt.

  • Die starke Frau im Patriarchat

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    Clare Woodcraft-Scott ist CEO der Emirates Foundation; einer Stiftung der Vereinigten Arabischen Emirate, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, jungen Bürgern des Landes beim Einstieg in den Arbeitsmarkt zu helfen. prisma traf die Britin im Rahmen des 44. St. Gallen Symposiums exklusiv zum Interview und sprach mit ihr über ihre Arbeit, die Rolle der Frau in der arabischen Welt und warum der Westen oft ein zu eindimensionales Bild von der arabischen Welt hat.

    Ms. Woodcraft-Scott, welches sind ihre Tätigkeitsfelder als CEO der Emirates Foundation?

    Als Verantwortliche der Emirates Foundation betreue ich eine Organisation, die im Bereich der Jugendentwicklung tätig ist. Dies bedeutet vornehmlich, dass wir junge Menschen versuchen zu inspirieren, zu begleiten und zu unterstützen, damit sie integrierte und produktive Mitglieder der Gesellschaft werden. Wir fokussieren uns dabei auf eine Vermittlungsrolle und sehen uns nicht als Substitut des formalen Bildungssystems der Emirate.

    Was haben Sie denn konkret für Initiativen? Und sind diese lediglich für Bürger der Emirate zugänglich?

    Ja, unsere Programme sind momentan lediglich für die Bürger der Vereinigten Arabischen Emirate gedacht. Wir arbeiten jedoch auf globaler Ebene mit verschiedenen Entwicklungsnetzwerken zusammen, so sind wir beispielsweise auch Mitglied der OECD Foundation. Uns ist es besonders wichtig von anderen Jugendprogrammen lernen zu können, aber auch unser eigenes Wissen geben wir offen weiter. Aktuell haben wir lediglich sechs Initiativen, um uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Inhaltlich reichen diese Initiativen von Förderung der Freiwilligen-Arbeit bis hin zu Vorbereitungskursen für den Einstieg in die Privatwirtschaft. Ein Programm hilft aber auch jungen Frauen, die aus dem Bildungssystem gefallen sind, einen Job als Assistenten für Lehrer zu kriegen.

    Das klingt nach ehrbaren Vorhaben, doch sind diese Initiativen nicht eher ein Tropfen auf den heissen Stein? Vor allem Frauen haben es in den Emiraten bekanntlich schwer, gute Jobs zu erhalten.

    In den Vereinigten Arabischen Emiraten befinden sich mehr Frauen als Männer im staatlichen Bildungssystem. Das Frauen im Mittleren Osten nicht genug Möglichkeiten erhalten, sehe ich als Mythos. Frauen besitzen in den Emiraten nicht nur hervorragenden Zugang zu Bildung, sie erhalten auch Kaderpositionen in der Wirtschaft und gründen ihre eigenen Unternehmen. In den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt es gar ein Gesetz, das Frauen in allen Geschäftsleitungen verlangt. Abgesehen von Norwegen gibt es solch eine Vorschrift praktisch in keinem anderen Land.

    Frauen haben im Mittleren Osten demnach keine Probleme, Zugang zum Arbeitsmarkt zu erhalten?

    Klar gibt es Probleme mit dem Zugang von Frauen zu hohen Stellen. Diese sind jedoch nicht spezifisch nur im Mittleren Osten zu verorten, sondern treten auf globaler Ebene auf. Natürlich, bezüglich dem privaten Haushalt und der Möglichkeit für Frauen das Haus zu verlassen und einer Arbeit nachzugehen, bestehen im Mittleren Osten, relativ gesehen, grössere Herausforderungen. Blickt man jedoch auf Frauen, die bereits im Arbeitsmarkt sind, stehen die Emirate bezüglich Gleichberechtigung sogar besser da als viele westliche Länder. In meinem Heimatland, dem Vereinigten Königreich, beispielsweise, nimmt die Anzahl Frauen in Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft kontinuierlich ab, was ich im 21. Jahrhundert schockierend finde. Der Westen sollte als erstes die eigenen Probleme beheben, bevor er andere Staaten verurteilt.

    Glauben Sie es ist hilfreich für das Image eines patriarchalisch geprägten Staates, wenn er eine Frau in der Spitzenposition seiner Foundation hat?

    Natürlich ist es hinsichtlich der Reputation einer Foundation hilfreich eine Frau als CEO zu haben. Doch das ist nicht nur in den Vereinigten Arabischen Emiraten der Fall. Sowohl in Europa als auch im Rest der Welt werden Frauen in Form von Quoten instrumentalisiert um das Image von Unternehmen aufzubessern und modern zu wirken, anstatt dass sie aufgrund ihrer Qualifikationen angestellt werden. Ich glaube das ist eine globale Herausforderung die wir haben. Man darf die Hälfte der Bevölkerung nicht mehr ausschliessen, sondern endlich weltweit gleiche Rechte schaffen für beide Geschlechter. Das ist übrigens auch alles was Feminismus verlangt und es ist verrückt, dass wir noch immer darüber diskutieren. Wenn man jedoch behauptet, diese Probleme existierten nur im Mittleren und Nahen Osten macht man es sich zu leicht. Es entspricht schlichtweg nicht der Realität, wenn man die Emirate als strikt patriarchalisch bezeichnet. Auch hier gibt es viele Frauenbewegungen und progressive Kräfte. Natürlich ist die Quote in Geschäftsleitungen nicht 50:50, aber das ist sie auch in Schweden oder Norwegen nicht.

    Haben sie manchmal Probleme mit der arabischen Mentalität? Die Werte in diesen Gesellschaften unterscheiden sich ja manchmal deutlich von den Westlichen.

    Ich werde die arabische Welt immer verteidigen. Ich spreche Arabisch, was leider nur wenige aus dem Westen tun, ich arbeite in einem arabischen Land und mein soziales Umfeld ist zu grossen Teilen arabisch. Ich fühle mich der arabischen Gemeinschaft also sehr stark verbunden. Diese Gesellschaften sind unseren sehr ähnlich. Die grosse Mehrheit der jungen Menschen will in Zukunft in einem progressiven, säkularen und liberalen Staat leben. Bedauerlicherweise sehen viele Menschen im Westen die arabische Welt als homogene Masse, die religiös und fundamentalistisch ist. Ich verspüre beinahe eine moralische Verpflichtung diese Mythen zu bekämpfen. In der arabischen Welt leben mehr als 350 Millionen Menschen in 22 verschiedenen Ländern mit unterschiedlicher Tradition, Religion und Herkunft. Es handelt sich also um eine extrem vielfältige Gruppe, die seit 20 Jahren in denselben Topf geworfen wird, besonders seit 9/11. Neben der Vielfältigkeit der Araber sind sie uns zudem in vielen Belangen sehr ähnlich. Auch sie sind Menschen, die eine Job, eine Familie, Sicherheit und die Zugehörigkeit zu ihrer Gesellschaft wollen.

    Wir haben bereits über die Jugend und deren Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt gesprochen. Im Angesicht des Themas dieses Symposiums „clash of generations“, was bringt ein solcher Event überhaupt?

    Von dem, was ich bis jetzt vom Symposium erlebt habe, erscheint es mir ziemlich einzigartig. Neben der Tatsache, dass die Organisation komplett in studentischer Hand liegt, haben hier 200 junge Menschen die Möglichkeit wichtige Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft zu treffen und ihnen kritische Fragen zu stellen. Auch ich will hier herausgefordert werden und mich von Studenten konfrontieren lassen. Der Nutzen des Events besteht für mich also hauptsächlich im Dialog von verschiedenen Generationen.

  • Le monde est à nous

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    Sie sind das Herzstück des St. Gallen Symposiums. Dies wird von Veranstaltern, Rednern und Medien immer wieder und gerne betont – die sogenannten Leaders of Tomorrow; 200 junge Menschen, die nicht älter als 30 Jahre alt sind und sich trotz ihres jungen Alters in den verschiedensten Bereichen bereits hervorgetan haben. Doch wer sind diese jungen Karrieristen eigentlich? – Eine Fallstudie.

    Julian Slotman sitzt gerade im Hauptgebäude und hat einen mit allerlei Essen des Buffets beladenen Teller vor sich. Er trägt eine schwarze Hornbrille mit runden Gläsern und spricht die Leute um sich mit einem freundlichen Lächeln an. Die Plakette, die er sich an sein Jackett geheftet hat, besitzt einen gelben Balken unter seinem Namen, der seinen Status als Leader of Tomorrow beweist. „Ich habe an meiner Universität selbst einmal ein Symposium organisiert. Aber das war niemals so prestigeträchtig und gross wie dieses hier“, antwortet er auf die Frage warum er hierher gekommen sei. Er hoffe hier neue und interessante Leute kennenzulernen, insbesondere den hier zahlreich präsenten Führungskräften aus Wirtschaft und Politik wolle er kritische Fragen stellen und ihnen auf den Zahn fühlen. Der Niederländer studiert im Master Economics and Public Affairs an der Universität Maastricht und absolvierte bereits Praktika bei einer führenden holländischen Bank sowie der niederländischen Botschaft in Deutschland. Sein grosser Traum ist es denn auch in die Diplomatie zu gehen. „Auch wenn das im Moment noch in weiter Ferne liegt“, fügt er mit einem Lachen hinzu. In seinem Blick blitzt dennoch eine gewisse Entschlossenheit auf, dieses Ziel zu erreichen. Insgesamt wirkt Julian Slotman aber so gar nicht, wie ich mir einen Leader of Tomorrow vorgestellt habe. Äusserst gelassen, verschwindet er schlendernd in der angeregt diskutierenden Masse.

    Da passt das nächste Duo, zu dem ich stosse, schon eher zu meinen Vorurteilen von zielstrebigen Karrieristen. Derek Satya Khanna und Jerome Zois reden beide schnell und viel und es geht gefühlte fünf Sekunden bis ich ihre Visitenkarten in der Hand halte. Derek, seines Zeichens Amerikaner, studiert in Yale Jura und war bereits in den „Top 30 under 30“, einer Rangliste von einflussreichen Persönlichkeiten des Forbes Magazine. Er hat bereits fünf Jahre für den amerikanischen Kongress gearbeitet und ist momentan als politischer Berater für IT-Unternehmen tätig. Darüber hinaus schreibt er regelmässig Artikel für die Huffington Post und das Forbes Magazine. Jerome auf der anderen Seite arbeitet für das aufstrebende US-amerikanische Softwareunternehmen Palantir Technologies. Er habe keinen akademischen Hintergrund, was in dieser Branche allerdings auch nicht von Nöten sei. „Hier zählen lediglich deine Fähigkeiten“, erklärt mir der Luxemburger, der ein akzentfreies Englisch spricht. Zugegeben, ich bin von der Energie und Eloquenz der beiden schon ein wenig beeindruckt, auch wenn sie teilweise fast ein bisschen zu sehr von sich überzeugt scheinen. Vom Symposium sind beide begeistert. „Ein perfekt organisierter Event, auf dem man Menschen quer durch alle Bereiche trifft.“

    Als wollte er die Aussage der beiden bekräftigen kommt der nächste Hoffnungsträger des Symposiums aus einem für einen Wirtschaftsgipfel eher ungewöhnlichen akademischen Bereich. Johannes Pausch studiert in Cambridge Physik und ist ans Symposium gekommen, um einmal ein wenig Abwechslung vom physiktheoretischen Alltag zu erhalten. Daher habe er kurzerhand ein Paper über Jugendarbeitslosigkeit publiziert und sei so nach St. Gallen eingeladen worden. In Zukunft hat Johannes grosse Pläne mit dem akademischen Bildungssystem der Hochschulen. Dieses sei nämlich dringend reformbedürftig. „Die Forschungsprojekte benötigen flexiblere Finanzierungsmöglichkeiten. Momentan ist es so, dass die Politik der Forschung zu starre Vorgaben setzt, die gute Resultate erheblich erschweren“, erzählt mir der gebürtige Deutsche.

    Grosse Pläne für die Zukunft hat auch die Inderin Leni Jadhav. Ich treffe sie nach einer Plenumsdiskussion mit indischen Parlamentariern, der sie ebenfalls beigewohnt hat. Sie trägt einen traditionellen, farbenfrohen Sari und ihre Stirn wird von einem roten Punkt geziert. Während der Diskussion wandte sie sich offen gegen die Meinung der etablierten Redner aus Indien. Denn Leni gehört der indischen Oppositionspartei an. Ausserdem ist sie im Vorstand der nationalen Studentenschaft Indiens. „Ich konnte einfach nicht anders als zu widersprechen. Der Politiker hat gegen beinahe alle meine Überzeugungen geredet.“ Für ihre Überzeugungen einstehen und kämpfen liege ihr einfach im Blut. Deshalb wolle sie später auch ins indische Parlament einziehen und stellvertretend für die Rechte der Frauen kämpfen, um die es in ihrem Land nicht gut bestellt sei. „Ich möchte ein Vorbild für die anderen Frauen in Indien sein“, so die lebhafte Nachwuchspolitikerin.

    Ebenfalls politisch engagiert und äusserst diskussionsfreudig erlebe ich die Amerikanerin Heather Sexton Pfitzenmaier. Ich streite mich mit ihr beinahe eine Stunde über die Rolle des Staates und seiner Beziehung zum Individuum. Stets mit einem Lächeln, aber mit einem vehementen Nachdruck in der Stimme und in unglaublich schlagfertiger Manier, verteidigt sie ihre Standpunkte. Heather arbeitet als Leiterin des Young Leaders Programm im libertär-konservativen Think Tank „The Heritage Foundation“. Sie sei schockiert, wie unglaublich unkritisch hier gewisse Europäer gegenüber ihrer eigenen Regierung seien. Allerdings habe sie keinerlei Probleme andere politische Meinungen zu tolerieren, solange sich jemand nur mit Leidenschaft für Politik interessiert. Ihr Ziel sei es junge Menschen vermehrt für Politik zu begeistern und zur Partizipation zu animieren.

    Heather hätte sich wohl auch mit meiner nächsten Gesprächspartnerin gestritten. Tina Goldschmidt setzt sich kritisch mit dem freien Markt auseinander und sieht in der kapitalistischen Wachstumsideologie dringenden Diskussionsbedarf. Als Doktorandin der Soziologie an der Universität Stockholm untersucht sie gesellschaftliche Beziehungsnetze und wie sich diese auf gesamtgesellschaftliche Strukturen auswirken. „Hier am Symposium habe ich wohl eher eine Meinung am linken Rande des Denkens der Majorität“, meint sie, beinahe ein wenig verlegen. Nichtsdestotrotz stehe sie zu ihren Meinung und findet, dass die Akademikerwelt ihrem Beispiel folgend wieder politischer werden sollte. Wissenschaftler sollten sich den gesellschaftlichen Diskursen nicht entziehen, da sie die nötige Expertise für sachliche Diskussionen hätten.

    Nach all diesen Gesprächen mit den „Leaders of Tomorrow“ lässt sich noch immer schwer ein klares und abgrenzbares Bild dieses Begriffs zeichnen. Die Leader sind keine homogene Gruppe mit gemeinsamen, sich subsumierenden Charakteristika. Vielmehr entpuppt sie sich als buntgemischter Querschnitt durch zahlreiche akademische, wirtschaftliche und politische Bereiche. Von idealistisch bis opportunistisch, von linker bis rechter politischer Couleur, von karrieristischem Networker bis zum alternativem Kritiker, begegnet einem hier alles und sämtliche Graustufen dazwischen. Eines jedoch haben sie alle gemeinsam. Sie sind zielstrebig und entschlossen; sie wollen ihren Abdruck in der Welt hinterlassen und grosse Veränderungen bewirken – ganz nach dem Motto: Le Monde est à nous.

    Mehr zum 44. St. Gallen Symposium findest du hier (eine Zusammenfassung der Eröffnungsveranstaltung) und hier (eine Rundschau zum Symposium an sich).

  • Kampf der Generationen

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    Jugendarbeitslosigkeit, Interessenskonflikte aufgrund divergierender Wünsche und Ansprüche der Generationen, sowie die globalen Herausforderungen und Vermächtnisse der unterschiedlichen Altersgruppen – das 44. St. Gallen Symposium steht ganz unter dem Zeichen des „clash of generations“. Doch zur Eröffnung gab es auch Neuigkeiten zu einem ganz anderen globalen Konflikt.

    Die Spannung und die Erwartungen waren spürbar als in der Aula die buntgefärbten Lichter abgedunkelt wurden und ein eigens angefertigtes Video den Einstieg in die Thematik der diesjährigen Veranstaltung gab. In avantgardistisch anmutender Comicgrafik stellte es einen fingierten Disput zwischen Vater und Tochter dar. Auf humoristische Weise spielten sie mit den zahlreichen Begriffen die mittlerweile für die verschiedenen Generationen existieren. Von Babyboomern, 68er, Generationen X und Y bis zu Millennium Generation war alles dabei. Insgesamt ein gelungener Beginn der neben seinem Schalk bereits einen ernsten Unterton besass.

    Lord Brian Griffiths of Fforestfach bei seiner Eröffnungsrede zum 44. St. Gallen Symposium
    Lord Brian Griffiths of Fforestfach bei seiner Eröffnungsrede zum 44. St. Gallen Symposium

    Den Anfang unter den Rednern der prestigeträchtigsten Veranstaltung an der Universität St. Gallen machte anschliessend der langjährige Gast des Symposiums, Lord Brian Griffiths of Fforestfach. Der britische Adlige ist Vice Chairman der Grossbank Goldman Sachs im Zweig International. Im Bezug auf das Wirtschafts- und Politforum übernimmt er die Funktion des offiziellen Chairman dem jeweils die Ehre der Eröffnung zuteilwird. Griffiths lobte im Gegenzug dafür in seiner Rede dann auch die exzellente Organisation des Symposiums und nahm Bezug auf den Veranstaltungsort St. Gallen und dessen Gründungsmythos. Für den „Irish Punk“, den heiligen Gallus, der sich vor Jahrhunderten in der Umgebung der Eidgenossen durchgesetzt und die Stadt gegründet hat, könne er nur Sympathien hegen, witzelte der Banker. Neben den 200 sogenannten „leaders of tomorrow“ und den 600 „leaders of today“, die sich dieses Jahr während zwei Tagen über die globalen Herausforderungen der Demographien austauschen sollen, mache auch die 350-köpfige Helfergruppe, bestehend aus Studenten der HSG, den einzigartigen Geist des Symposiums aus. Nach einem Zitat des Begründers des Konservatismus Edmund Burke und dem Ausruf „Enjoy, Debate!“ schloss Griffiths seine Eröffnungsrede.

    Didier Burkhalter zum "clash of generations" und der Krise in der Ukraine
    Didier Burkhalter zum “clash of generations” und der Krise in der Ukraine

    Als der aktuelle Präsident unserer helvetischen Konföderation, Bundesrat Didier Burkhalter, das Rednerpult übernahm, zückten viele in der Menge, vermutlich vorwiegend Journalisten, Block und Bleistift. Denn das Exekutivmitglied kam an diesem Morgen von einem Treffen mit niemand geringerem als dem russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin aus Moskau. Als Vertreter der OSZE, deren Vorsitz die Schweiz momentan inne hat, hatte er vermittelnde Gespräche mit dem Staatsmann geführt. Die Rede am Symposium wäre die erste offizielle Stellungnahme Burkhalters in der Schweiz, wenn er die Verhandlungen denn erwähnen würde – und das tat er dann auch. Neben Ausführungen zum „clash of generations“, in welchem er eine Vorbildfunktion der Schweiz mit der Problematik zu betonen wusste, kam er schliesslich auf die Krise in der Ukraine zu sprechen. Er habe gestern mit Putin Gespräche führen können und zuvor auch mit dem Präsidenten des Europäischen Rates, Herman van Rompuy, über den Konflikt gesprochen. Auf beiden Seiten habe er positive Signale hin zu Kooperation und der Bereitschaft zur Deeskalation wahrgenommen, so Burkhalter. Er selbst hätte im Wesentlichen zwei Punkte betont. Zum einen sei die Schweiz als neutrale vermittelnde Kraft an einer Konfliktlösung interessiert. Zum anderen brauche es nun eine effektive „Roadmap“ der stufenweisen Deeskalation, welche von allen Seiten in gleichem Masse getragen und unterstützt werden müsse. Nach diesen Erläuterungen kam der Bundespräsident wieder zurück auf die Schweiz und deren globale Rolle zu sprechen. Die Schweiz sei in vielen Bereichen eine weltweit führende Kraft, obwohl auch sie sich im Generationenkonflikt, und im Speziellen der Altersvorsorge, schwierigen Herausforderungen ausgesetzt sehe. Burkhalter betonte zudem die Wichtigkeit der gesellschaftlichen und ökonomischen Offenheit der Schweiz, sowohl gegenüber der EU in einem bilateralen Kontext, als auch gegenüber der ganzen Weltgemeinschaft. Deswegen spreche sich der Bundesrat auch deutlich gegen die Mindestlohn- und die Masseneinwanderungsinitiative aus. Um seine Rede abzuschliessen, kehrte der Romand wieder zum Symposium zurück. Man müsse Brücken bauen zwischen den Generationen und Kompromisse suchen. Der Erfolg der Schweiz liege nicht zuletzt in der Einheit der Vielfalt. „With great challenges come great opportunities“

    Mit dieser doppelten Eröffnung, die wohl selten soviel geopolitische Relevanz aufwies wie dieses Jahr, hat das Symposium also begonnen. Werden sich die verschiedenen Generationen gegenseitig so konfrontieren, wie dies das Leitthema suggeriert oder steht vor allem das klischierte Networking im Zentrum der Veranstaltung? Die kommenden zwei Tage werden es zeigen.

  • Streitgespräch zur Mindestlohninitiative

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    Riccardo:
    „Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen.“ – Dieses grundlegende gesellschaftliche Prinzip ist in der Präambel der Bundesverfassung verankert. Doch gerade in einem entscheidenden Bereich wird dieses Prinzip ignoriert: den Lohnverhältnissen. Die Schweiz benötigt endlich einen gesetzlichen Mindestlohn, um auch die Niedrigverdienenden in unserer Gesellschaft zu schützen und ihnen ein Leben in Würde und Unabhängigkeit zuzugestehen. Darum JA zur Mindestlohninitiative.

    Gabriel:
    Ein guter Grundsatz, nachdem wir öfter Politik machen sollten. Doch mit dieser Initiative schützt du die betroffenen Menschen nicht, sondern du machst sie umso angreifbarer: Entweder gehen die entsprechenden Arbeitsplätze verloren oder die Produkte, die sie herstellen und verkaufen, werden teurer. Weil die Menschen mit tiefen Einkommen einen überdurchschnittlichen Teil ihres Lohnes im Supermarkt, im Schuhgeschäft, beim Friseur oder für landwirtschaftliche Produkte ausgeben, sinkt ihre Kaufkraft unter dem Strich sogar. So ehrbar deine Motive auch sind, die Rechnung geht nicht auf.

    Riccardo:
    Falsch, genau um ihre Kaufkraft zu steigern, sollten sie ja höhere Löhne erhalten. Und die Argumentation der Inflation ist eine äusserst fadenscheinige, hinter der sich die reine Profitgier der Grossunternehmen verbirgt. Schaut man sich die Gewinnmargen der Detaillisten in der Schweiz an, lässt sich eine Preissteigerung durch einen fairen Mindestlohn nicht rechtfertigen. Lidl hat es doch auch geschafft, einen Mindestlohn von 4‘000 Franken zu bezahlen, ohne die Preise seiner Produkte zu erhöhen. Die Rechnung von mehr Lebensqualität durch einen Mindestlohn geht also sehr wohl auf. Vielmehr erscheint es widersprüchlich, dass in einem System, das sich die Maxime „Belohnung durch Leistung“ auf die Fahne geschrieben hat, Menschen mit einer Vollzeitbeschäftigung nicht anständig von ihrem Lohn leben können.

    Gabriel:
    Gut, dass du die Lidl-Kampagne ansprichst. Dass der Konzern neuerdings 4’000 Franken zahlt, hat nullkommanichts mit einer neu entdeckten sozialen Ader zu tun. Das ist einerseits eine Marketing-Idee, zum anderen knallhartes Kalkül mit cleveren Anreizen. Das Motto der Effizienzlohnhypothese lautet: „Wenn wir jemandem mehr als den Marktlohn, also seine eigentliche Produktivität zahlen, hat er viel zu verlieren und wird sich in seinem Job mehr anstrengen, wodurch er die höheren Lohnkosten mehr als wettmacht.“ Ist der Lohn für alle in der Branche verbindlich, ist der Effekt allerdings futsch. Du musst zudem bedenken, dass es schwierig wird, 15-jährige Jugendliche davon zu überzeugen, eine Lehre zu machen und danach 4’200 Franken zu verdienen, wenn sie auch als Ungelernte fast gleich entlohnt werden.

    Riccardo:
    Ich habe auch nie von einer sozialen Ader bei Lidl gesprochen, sondern lediglich von einer ungerechtfertigten Drohung der Unternehmen, die Preise erhöhen zu müssen, obwohl sie auch ohne den Effizienzlohneffekt noch hohe Profite einfahren werden. Was die Lehrlinge betrifft, ist der spätere Lohn wohl kaum die einzige Motivation zu einer beruflichen Ausbildung, sonst hätten wir kein Pflegepersonal mehr in der Schweiz. Hinzu kommt, dass viele Lehrgänge, die sich unter dem Mindestlohn befinden, wie Metzger, Bäcker oder Monteur, durch den Mindestlohn wieder attraktiver werden. Ich bin absolut mit dir einverstanden, dass die Löhne in gewissen Branchen auch nach abgeschlossener Lehre zu niedrig sind. Dies kann jedoch nicht als Grund dienen, Unausgebildeten viel weniger zu zahlen. In solchen Kategorien zu denken, führt zu einer Überbewertung ökonomischer Ängste zu Lasten der moralischen Prinzipien einer Gesellschaft.

     Gabriel:
    Ich finde es zwar gut, ökonomische Entscheide auf der Basis von normativen Prinzipien zu fällen, aber wenn du die ökonomischen Tatsachen bei deinem moralischen Urteil ignorierst, landest du im Abseits. Wie legitimierst du zum Beispiel, dass die Verkäuferin in der Zürcher Modeboutique in Zukunft zwar mehr verdient (weil deren Kundschaft zahlungskräftig genug ist), die Arbeiter beim KMU im Jura oder im Tessin (wo ein Viertel der Bevölkerung weniger als 4’000 Franken verdient) aber ihre Stelle verlieren? Findest du es gerecht, Menschen mit körperlichen oder kognitiven Handicaps, die über tiefe Löhne wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden (und froh sind darüber!), diese Chance zu nehmen und sie langfristig von der Sozialhilfe abhängig zu machen?

    Riccardo:
    Ich glaube du bist derjenige, der hier gerade auf der moralischen Schiene fährt. Ich habe von einer Überbewertung ökonomischer Ängste gesprochen, und nicht vom Ignorieren der Tatsachen. Lass uns einmal von den Tatsachen sprechen. Tatsache ist, dass die Arbeitsplätze im Tessin und im Jura nicht verloren gehen werden, sondern dass man diesen Viertel endlich anständig bezahlt. Tatsache ist, dass die Lohnungleichheit in der Schweiz seit Jahren zunimmt. Tatsache ist, dass vor allem Frauen und gestandene Berufsleute von niedrigen Löhnen betroffenen sind und man auch Menschen mit Behinderung fair bezahlen sollte. Tatsache ist, dass Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt immer am kürzeren Hebel sitzen und dies von den Arbeitgebern ausgenutzt wird. Und Tatsache ist auch, dass das bürgerliche Lager jedes mal, wenn es um die Bekämpfung dieser sich zuspitzenden Situation geht, mit polemischen Angstkampagnen unter dem Deckmantel angeblicher ökonomischer Rationalität antwortet. Es wird Zeit, dieser Angstmacherei endlich entschlossen entgegenzutreten.

    Gabriel:
    Polemisch argumentiert in diesem Abstimmungskampf nur deine Seite. Denn ein so hoher Mindestlohn, so gut er gemeint ist, löst nicht nur das Armutsproblem nicht, er schafft neue Ungerechtigkeiten und Marktverzerrungen. Es ist kein Zufall, dass genau jene Länder in Europa mit einem liberalen Arbeitsmarkt und ohne (überrissenen) Mindestlohn am besten dastehen. Die Ungleichheit können wir dann gerne gemeinsam bekämpfen: über das Steuersystem, Kinderzulagen, oder ein Grundeinkommen. Aber wenn diese Initiative die Menschen aus dem Arbeitsmarkt drängt, gibt es bald auch nichts mehr umzuverteilen.

     

    Und wie ist deine Meinung? Diskutiere mit!

  • „Arena“ an der HSG

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    Gestern fand im Audimax wieder einmal eine Podiumsdiskussion, organisiert durch Vimentis und den Dialog Klub, statt. Dieses Mal ging es um die Mindestlohninitiative und, im Gegensatz zur Diskussionsrunde zur 1:12-Initiative des Consulting Clubs, wurde gestern auch gestritten und diskutiert.

    Es war ein Abend für Kenner der schweizerischen Polit-Landschaft. Dies wurde bereits deutlich, als der Moderator Urs Wiedmer, der normalerweise durch die innenpolitische Diskussionsplattform des Schweizer Fernsehens „Arena“ führt, spontan beschloss, den Abend auf Schweizerdeutsch zu halten, so wie er dies eben auch in seiner Sendung tut.

    Und so wie in der „Arena“ waren auch hier die Lager von Anfang an klar abgesteckt, ohne besondere Bemerkung des Moderators, wer welcher Seite zuzuordnen ist. Hier sei trotzdem kurz festgehalten, wer denn gestern diskutierte: Für den Mindestlohn waren der Gewerkschaftschef und St. Galler Ständerat Paul Rechtsteiner, sowie die Unternehmerin, HSG-Alumna und SP-Nationalrätin Jacqueline Badran anwesend, während auf der Gegenseite Weltwoche-Chefredaktor Roger Köppel und der Direktor des Schweizer Gewerbeverbands Hans-Ulrich Bigler ins Feld zogen.

    Nach einem süffisanten Einstieg, bei dem mehr gewitzelt als themenbezogen diskutiert wurde, ging es dann schnell zur Sache und es bildeten sich zwei ungleiche Duelle. Auf der einen Seite waren Badran und Köppel, beide rhetorisch stärker und präziser als ihre jeweiligen Mitstreiter, wobei man Köppel auch schon schärfer und leidenschaftlicher erlebt hat. Die beiden stritten sich, ausgehend vom Mindestlohn, den die Initiative bei rund 4000 Franken im Monat ansetzen würde, über die historische und die aktuelle Rolle des Schweizer Staates und darüber, welchen Faktoren der Schweizer Wohlstand zu verdanken sei. Während Köppel, getreu seiner libertären Position, der Meinung war, dass der Staat bei der Lohnsetzung und der Regulierung der Marktwirtschaft im Allgemeinen, nichts verloren hätte und die Linken der ökonomischen Ahnungslosigkeit bezichtigte, sah Badran eben diese Linken als Hauptgrund dafür an, dass wir keine Kinderarbeit und 14-stündige Arbeitstage mehr haben. Dabei wurde besonders Badran mitunter ein wenig persönlich, worüber sich Köppel mehrmals beklagte. Für das Publikum jedoch hatten die Scharmützel durchaus einen gewissen Unterhaltungswert.

     

    Auf der anderen Seite bekämpften sich Bigler und Rechtsteiner, vornehmlich innerhalb ihrer Position als Vertreter ihrer Organisationen. Beide warfen dem jeweils anderen vor, sich aus der traditionellen Sozialpartnerschaft, die zwischen dem Gewerbeverband und den Gewerkschaften besteht, um Arbeitsbedingungen in Gesamtarbeitsverträgen auszuhandeln, zurückzuziehen und deren ungeschriebene Regeln zu brechen. Rechtsteiner bemühte sich, konkrete Zahlen in die Diskussion zu bringen, schweifte jedoch immer wieder in detaillierte Beispiele ab. Er stützte sich bei seinen Argumenten vor allem auf die kurz zuvor veröffentlichten Studien zur Lohnstruktur, die er für besorgniserregend hält. Sie belegen, laut Rechtsteiner, dass die Lohnschere in der Schweiz sich nicht nur gegen oben, sondern auch gegen unten weiter öffnet und die Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern wieder zugenommen habe. Bigler wiederum argumentierte, dass sich einige Branchen den Mindestlohn nicht leisten könnten und die Initiative als Ganzes zu undifferenziert sei, wobei er weitgehend auf Zahlenbeispiele verzichtete.

    Die stärksten Momente des Podiums waren gleichzeitig auch die Schwächsten. Immer, wenn die Rhetorik schärfer wurde, nahm auch der Unterhaltungswert dementsprechend zu und die Lacher im Saal reihten sich aneinander. Leider geschah das stets auf Kosten einer sachlichen Argumentation und dem Fokus auf das eigentliche Thema.

    Tiefpunkt des Abends waren jedoch die beiden Assessmentstudenten, die während der Fragerunde des Publikums ihr in Makro I erlerntes ökonomisches Wissen derart arrogant und unreflektiert zum Besten gaben, das man sich als HSGler ordentlich fremdschämen durfte. Entsprechend gross ist auch die Häme auf Verspottet

    Ob man den Anlass nun für gelungen hält oder nicht, ist letztlich mit der Frage gekoppelt, was eine politische Podiumsdiskussion beinhalten soll. Erwartet man von ihr eine sachliche und fundierte Auseinandersetzung der Thematik, ist die gestrige Veranstaltung eher kritisch zu beurteilen. Erhofft man sich jedoch lediglich einen unterhaltsamen Abend mit offenem Schlagabtausch der Kontrahenten, kam man hier voll auf seine Kosten. Oder anders gesagt, wer die „Arena“ mag, mochte auch diesen Abend.

  • Gelungener Anlass trotz Fehlen des Titans im Tor

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    Im Rahmen des ersten Sport Economic Day wurde vergangenen Dienstag an der Universität St. Gallen ein Forum veranstaltet, auf welchem sich Praktiker und Akademiker aus der Sportwelt rund um die verschiedenen Dimensionen ihres Metiers austauschen konnten. (mehr …)